Zu Samhain

Moderator: Moderatorenteam

Zu Samhain

Beitragvon dakini » 30.10.2005 20:46

An Samhain gedenken wir unserer Ahnen.
Aber wie waren sie unsere Vorfahren? Wie haben sie gefühlt, wie gelebt?
Vielleicht kann uns diese Überlieferung aus Lappland darüber Aufschluß
geben :-)



Unsere Ahnen

Man soll sich nicht lustig machen über seine Ahnen. Das wäre taktlos. Aber schließlich ist es nicht unser Fehler, wenn unsere Ahnen ein bißchen merkwürdig waren. Zwar ist es nichts Schlechtes, merkwürdig zu sein, aber man soll auch nicht übertreiben. Indessen muß man Verständnis für sie haben.
Sie lebten vor so unendlich langer Zeit. Und die Welt sagt man, macht mehr und mehr Fortschritte, je älter sie wird. Also gibt es, je weiter man zurückgeht in die Jugend der Welt, desto weniger Fortschritt. Man kann unseren Ahnen infolgedessen wirklich nicht verargen, daß die Fortschritte, die sie machten, noch recht klein waren.
Da sie irgendwo wohnen mußten, bauten sie ein Haus. Aber sie wußten noch nicht, daß man eine Tür braucht, um hineinzukommen. Deshalb rissen sie eine Wand ein und traten in ihr Haus. Es war sehr kalt. Da sammelten sie Zweige und zündeten ein Feuer an. Aber sie wußten nicht, daß man einen Rauchfang braucht, um die Flammen daran zu hindern, überall ein wenig herumzulecken. Das Haus brannte ab.
„Das ist nicht gut“, sagten sie. „Wir hätten ein etwas wohnlicheres Haus bauen müssen.“
Um sich zu trösten, gingen sie in den Wald. Dort sahen sie auf einem Baum einen Auerhahn.
„Ah“, sagten sie. „Dieser Vogel hat sicher sehr wohlschmeckendes Fleisch. Kochen wir doch eine Suppe mit ihm!“
Doch der Auerhahn ließ sich nicht fangen.
Also fällten sie den Baum und machten daraus eine Suppe.
Aber sie schmeckte nicht im geringsten nach Auerhahn, wie sie gehofft hatten.
„Wir müssen den Vogel selber haben, sagten sie. „Er fliegt von einem Baum zu andern. Wenn wir ihn fangen wollen, müssen wir es genauso machen wie er und ihm nachlaufen.
Aber man kann in der Luft nicht laufen. Einer unserer Ahnen kletterte auf einen Baum, so hoch er konnte. Breitete seine Arme aus, bewegte sie, als ob sie Flügel wären, und stieß sich ab zu dem benachbarten Baum. Er fand jedoch nur die Leere und den Tod.
„Das ist nicht gut“, sagten die andern. „Man sollte lieber den Fischen nachlaufen. Sie wohnen im Wasser nicht in den Bäumen und den Wolken wie die Vögel. Wir können nicht schwimmen, aber das Wasser ist nicht gefährlich. Wir könnten auf dem Grunde des Sees laufen und dort Fische fangen. Aber nein. Das wäre vielleicht unklug und nicht sehr angenehm. Das Wasser ist feucht und kalt und würde unsere Kleider naß machen. Anstatt unter dem Wasser zu gehen müßten wir oben auf ihm gehen. Anstatt die Fische von unten zu fangen, von ihren Bäuchen her könnte man sie doch auch von oben, von ihrem Rücken her greifen.“
Sie bauten ein Boot für zwei Personen und viele Fische. Einer der Ahnen ruderte in die eine Richtung, der andere in die entgegengesetzte. Das Boot rührte sich nicht vom Fleck.
„Es will nicht gehorchen, Nimm du die Axt und gib ihm zur Strafe ein paar kräftige Schläge! Währenddessen werde ich allein rudern.“
So taten sie, und das Boot bequemte sich alsbald, zu gehorchen. Es kam sogar ziemlich schnell voran, aber als der andere Ahn aufhörte mit den Schlägen, um mitzurudern weigerte sich das Boot von neuem, sich zu bewegen.
„Schlag es noch einmal!“
Wieder gehorchte das Boot. Aber die Axt hatte ihm mit ihren vielen Schlägen ein großes Loch beigebracht.
Die anderen Ahnen, die den Fischfang vom Ufer her beobachteten, sahen das Boot allmählich sinken.
„Oh“, riefen sie voller Freude. „Es wird schwerer und schwerer. Es füllt sich mit Fischen.“
Ach nein, es füllte sich mit etwas anderem, und bald verließ es mitsamt seinen beiden Ruderern die Oberfläche des Sees, um tieferen Regionen zuzustreben.
„Das ist nicht gut“, sagten unsere Ahnen am Uferrand, als sie nichts mehr auf dem See erblickten. „Sie haben es vorgezogen, den Fischen nachzuzlaufen und sie unten zu fangen. Sie werden sich erkälten, die Armen.“
Lange riefen sie nach den beiden und rieten ihnen, ans Ufer zurückzukehren. Aber nur das Schweigen antwortete ihnen.
Da bauten sie ein neues Boot. Wieder fuhren zwei zum Fischfang aus, aber diesmal ruderte nur einer, und das Boot, nicht so launenhaft wie das erste, kam hübsch voran.
Sie waren schon in der Mitte des Sees, als sie ein wildes Rentier erblickten, das neben dem Boot schwamm. Einer der beiden schwang sich auf das Ren und packte es an seinem Geweih. Dann rief er seinem Kameraden zu:
„Ich halte es fest, aber ich habe nichts, womit ich es töten kann. Hol ein Messer und bring es mit. Das Fleisch der Rentiere ist besser als das der Fische. Mach schnell!“
Das Ren machte auch schnell. Es schwamm zum Ufer, verfiel dort in einen wilden Galopp und schleuderte seinen Reiter gegen einen großen Stein.
Als der andere Ahn endlich mit dem Messer kam, sah er von fern seinen Kameraden neben einem großen Stein ausgestreckt, den Mund weit offen.
„Du schämst dich wohl nicht! Läßt mich den ganzen Weg umsonst machen. Du hast nicht nur das Rentier losgelassen, sondern wagst es auch noch zu lachen. Offenbar findest du es sehr komisch.“
Zornig trat er näher und sah, daß der Kopf seines Gefährten zerschmettert war. Da beruhigte er sich und sagte:
„Weshalb hast du mir nicht gleich gesagt, daß du tot bist? Dann wäre ich nicht erst zornig geworden.“
„Das ist nicht gut“ sagten die anderen Ahnen. „Wenn man ein großes Tier töten will, muß man lieber warten, bis es eingeschlafen ist. Da ist gerade ein Bär, der in seiner Höhle schläft. Den wollen wir töten.“
„Das ist ein Kinderspiel“, sagte der Dickste von ihnen. „Aber das Loch, das in die Wohnung des Bären führt, ist sehr breit. Ich allein bin dick genug, um es auszufüllen. Wir wollen es so machen: Ich schiebe mich in das Loch, lege ein Seil um den Hals des Bären und erdrossele ihn. Meine beiden Füße lasse ich außerhalb des Loches. Wenn ich fertig bin mit meiner Arbeit, werde ich sie bewegen. Dann müßt ihr anfangen, an den Füßen zu ziehen, aber sehr kräftig, denn alles, was dann kommt, wird ziemlich schwer sein.
Als erstes kommen meine Füße, dann alles übrige von mir, dann der Kopf des erdrosselten Bären, dann der Rest des Tieres. Und nicht zu vergessen das Seil, das auch ein gewisses Gewicht hat.“
Alles vollzog sich genauso, wie der Dicke es angegeben hatte, bis auf eine Kleinigkeit.
Die Füße bewegten sich. Mehrere Hände ergriffen sie und zogen sehr kräftig.
„Der Dicke hat übertrieben“ sagten sie. „Er ist gar nicht so schwer, wie er gesagt hat, und man braucht gar nicht so kräftig zu ziehen. Und da ist überhaupt kein erdrosselter Bär, und vor allem fehlt der Kopf.“
Aus der Höhle dran ein beunruhigendes Brummen, so daß sie sich ein wenig entfernten, um zu beraten. Sie überlegten lange hin und her, ob der Dicke einen Kopf gehabt hatte oder nicht.
Endlich kamen sie zu dem Schluß, daß er einen gehabt haben mußte, denn wenn er Grütze aß, bekam sein Bart eine andere Farbe.
„Das ist nicht gut! Man muß die großen Tiere in Ruhe lassen. Anstatt sich töten zu lassen, bringen sie uns zu Tode. Und weil der tote Bart des Dicken uns an Grütze erinnert, wird es wohl besser sein, wir geben uns damit zufrieden, nichts anderes zu essen.“
Aber es fehlte ihnen der Topf, um Grütze zu kochen. Er diente nämlich als Bett für das letzte Baby, das geboren war.
„Wir sind keine Mörder. Es würde nicht gut sein, das Baby gleichzeitig mit der Grütze zu kochen.“
So beschlossen sie, einen anderen Kochtopf zu suchen. Sie fanden ihn. Es hatte in den letzen Tagen viel geregnet, und der Fluß hatte sich an einigen Stellen in einen reißenden Strom verwandelt. Das Wassser kochte, kochte.
„Es gibt nichts Besseres als einen natürlichen Kochtopf“ sagten sie. „Das Wasser kocht ganz von selber. Man braucht es gar nicht zu erhitzen.“
Sie schütteten die Grütze dort hinein, wo der Strom am tiefsten und wildesten war.
„Die Grütze muß bis auf den Boden des Topfes gefallen sein“ sagte der magerste und hungrigste unserer Ahnen. „Ich werde zu ihr hinuntergehen, und wenn ich mit dem Essen fertig bin, werde ich wieder heraufkommen, damit der nächste hinuntersteigen kann.“
„Schweig!“ sagten die Ahnen, die alle zur selben Zeit dasselbe redeten. „Wir sind alle gleich. Wir werden deshalb alle hinuntersteigen zu der Grütze, die schon gar sein muß, und werden sie zusammen essen.“
„Und der Dicke?“ wandte der Magere ein, „Ist er nicht auch allein zu dem Bären gegangen? Da hat keiner protestiert. Weshalb nicht?“
„Weil der Dicke uns einen Dienst erweisen wollte. Er hatte nicht die Absicht , den Bären ganz alleine zu essen. Bei dir aber ist es nicht Nächstenliebe, sondern Gefräßigkeit, die dich treibt, als erster auf den Grund des Kochtopfes hinunterzusteigen.“
Unsere Ahnen waren trotz der weit zurückliegenden Zeit, in der sie lebten, gute Psychologen und auch Realisten.
Jedoch, nachdem sie nachgedacht hatten, fanden sie daß der Magere im Grunde recht hatte. Das Wasser in dem natürlichen Kochtopf war so aufgeregt, daß die Gefahr bestand, es würde sie alle geneinanderschleudern, wenn sie zusammen hinuntergingen.
Aus reiner Großmut ließen sie also den Mageren allein zu der Grütze hinuntersteigen. Sie warteten und warteten.
„Nein, wirklich! Seine Gefräßigkeit ist zu groß. Er übertreibt.“
Und ein Zweiter sprang in den Strom. Er übertrieb ebenfalls. Der dritte genauso. Der vierte, der fünfte, der sechste.... Alle übertrieben. Der siebente wollte springen, aber er wurde zurückgehalten:
„Mach dir keine unnütze Mühe! Laß dich nicht umsonst durchnässen! Denn entweder haben die andern die Grütze schon verschlungen und werden gleich wiederkommen – oder sie kommen überhapt nicht wieder.“
Die zweite Möglichkeit war die richtige.
„Das ist nicht gut“, sagten unsere Ahnen. „Zu essen, um zu sterben! Man muß doch essen, um zu leben.“
„Ihr schämt euch nicht , bei jeder Gelegenheit zu sterben“, sagten ihre Frauen. „Wenn ihr diese üble Gewohnheit nicht ablegt, werden wir uns von euch trennen. Haltet also den Mund und laßt uns für die Ernährung sorgen.“
Die Männer gehorchten, zum Teil, weil sie an ihren Frauen hingen, hauptsächlich aber, weil sie Hunger hatten.
Die Frauen entdeckten, daß sie ein weiches Herz für die Mägen ihrer Ehemänner hatten. Diese brauchten ihre Frauen nur ein wenig verliebt anzusehen, und schon füllte sich ihr Magen.
Nur waren die Frauen unserer Ahnen nicht etwa weniger merkwürdig als ihre Männer. Jedesmal, wenn diese fragten, wo sie die Nahrung fänden, schrien sie:
„Ihr würdet es doch niemals können. Seit ihr aufgehört habt zu sterben, tut ihr überhaupt nichts mehr.“
Eines Tages füllten sie ihre Männer mit Käse an, einer ganz neuartigen Speise, die sie aus Rentiermilch bereitet hatten. Da machten sie ein einziges Mal eine Ausnahme und antworteten auf die Fragen ihrer Männer, nicht durch lautes Geschrei, sondern indem sie mit dem Finger zum Mond wiesen.
„Da! Könnt ihr sehen, daß ihm die Hälfte fehlt? Wir haben sie gepflückt, und ihr habt sie gegessen.“
Der Käse war so gut, daß unsere Ahnen die ganze Nacht in die Luft sprangen, um die andere Hälfte des Mondes zu pflücken. Sie stiegen auf die Bäume und bildeten selber eine Art Baum, indem sie einer auf den anderen kletterten. Und als dieser Menschenbaum umstürzte, standen manche nicht wieder auf.
„Das ist nicht gut“, sagten die Überlebenden. Aber sie fügten nichts mehr hinzu, denn sie erblickten gerade das Spiegelbild des Mondkäses im See. Sogleich stürzten sie sich ins Wasser und hatten alles Unglück vergessen, das es schon unter ihnen angerichtet hatte.
„Das ist wirklich nicht gut“, sagten die letzten Überlebenden. „Wir haben schon wieder die Gewohnheit angenommen, bei der geringsten Gelegenheit zu sterben. Unsere Frauen werden unzufrieden mit uns sein. Nur wir wenigen bleiben ihnen noch: eine ziemlich beschränke Anzahl Ehemänner. Es wäre besser, wir würden in den restlichen Tagen, die uns noch bleiben, dafür sorgen, daß sie Kinder bekommen.“
Unsere Ahnen waren, um mit den Worten unserer Zeit zu reden, Psychologen, Realisten, und auch, wie man zugeben muß großzügige Männer. Sie gaben sich tatsächlich viel Mühe, vor ihrem Tod noch so viele Kinder wie möglich zustande zu bringen.
Und wenn wir heute so zahlreich sind, so danken wir das diesen Kindern, die eine bessere Erziehung erhielten als ihre Väter. Sie nahmen nicht die üble Gewohnheit an um nichts zu sterben. Und wenn wir heute bequem in unseren Betten oder auf einem weichen Rentierfell sterben, so verdanken wir es ihnen.
Und unsere Frauen halten das Geheimnis ihrer Küche nicht mehr vor uns verborgen und erklären nicht, daß sie den Käse vom Mond gepflückt haben.
Ja, ja. Arme Ahnen. Ihr wart ein bißchen merkwürdig, aber die Zeiten, in denen ihr lebtet und starbet, waren eben noch sehr jung.
Unaufhaltsam machen wir Fortschritte. Unsere Nachkommen werden weitere machen. Und eines Tages werden sie vielleicht, wenn sie zurückblicken und durch die vergangenen Zeiten mit den Fingern auf uns zeigen, sgen:
„Man soll sich nicht lustig machen über seine Ahnen. Ihr wart ein bißchen merkwürdig, ihr! Aber man kann euch nicht böse sein. Die Zeit, in der ihr lebtet, war noch nicht so erwachsen wie unsere.“

Aus: Verzauberte Wälder von Robert Crottet
Benutzeravatar
dakini
 
Beiträge: 96
Registriert: 04.11.2004 16:23

Zurück zu Humor

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast

cron