Frühjahrsvollmond

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Frühjahrsvollmond

Beitragvon Ysgawen » 17.03.2005 21:14

O.k., es ist noch ein bisserl hin, aber heut passt es, weil mich ein Beitrag hier an die Geschichte erinnert hat....

Vollmond


Das Knarren des alten Bettes weckt mich aus meinem unruhigen Schlummer. Mein Laken ist zerwühlt und das Schlafgewand klebt an meinem verschwitzten Körper. Helles Licht strömt durch das Fenster.

Vorsichtig stehe ich auf. Ich friere. Trete ans Fenster und blicke hinaus in die Nacht. Das volle Rund des Mondes beleuchtet die Landschaft, zaubert groteske, gespenstische Schatten im Garten, in dem sich die alten, knorrigen Bäume ächzend einem uralten, geheimnisvollen Tanz hingeben.

Der kühlende Schweiß auf meiner Haut lässt mich schaudern. Es ist wieder so weit. Vollmond. Und dann noch dieser schreckliche, unheilschwangere Frühjahrsvollmond.

„Verschließt mich im finstersten Kerker.“, flehe ich die Götter der Nacht an. „Bitte, lasst es nicht zu. Lasst es diesmal nicht geschehen.“ Doch als Antwort bekomme ich nur den höhnischen Ruf eines Vogels der Finsternis.

Ich kann mich nicht entziehen. Langsam schreite ich aus dem Zimmer, zitternd und bebend und voller Angst. Die Tür lacht grausam quietschend, als ich sie öffne. Ich taste mich durchs zwielichtige Treppenhaus, das alte Holz stöhnt gequält unter meinen Schritten. Mit jeder Stufe, die ich hinabsteige, fühle ich, wie die Verwandlung von mir Besitz ergreift. Meine klammen Finger suchen Halt am Geländer aus schwarzem Ebenholz, weil meine Füße mich fast nicht tragen. Und doch zwingen sie mich weiter, immer näher dem Ort meiner Qual entgegen.

Ich knipse das Licht an, betrachte mein bleiches Gesicht im Spiegel. Schatten liegen unter meinen Augen. Zögernd nähere ich mich dem Kasten. Entnehme die Dose mit dem Pulver. Panik erfasst mich und ich weiß nicht, wie ich es schaffe, das Gefäß zu öffnen, obwohl ich von Schüttelfrost gebeutelt werde.

Ich nehme den alten, silbernen Pokal in meine bebenden Hände. Schütte das Pulver hinein und rühre es mit Wasser an. Aus dem Pokal steigt Dampf und ein entsetzlicher Geruch auf. Ein letztes Mal bete ich, diesmal davon zu kommen. Doch von unentrinnbarer Macht geleitet, führe ich den Becher an meine Lippen. Halb ohnmächtig, doch in mein Schicksal ergeben, leere ich ihn.

Sofort erfüllt ein Brennen und Zucken meine Eingeweide. Mein Innerstes scheint sich nach außen zu stülpen und ein langgezogenes Heulen entfährt meinem Mund. Ich spüre, dass mein Gesicht nur noch eine grauenerregende Fratze ist.

Entkräftet lasse ich mich neben der Tür auf den Boden sinken und warte. Warte.


„Also Lisa, ich kann einfach nicht verstehen, warum du jedes Mal so ein Getue machst. Ich finde Glaubersalz ja auch nicht wirklich köstlich. Aber du fastest doch schließlich jedes Frühjahr freiwillig. Ich finde, du übertreibst einfach total.“, sagt mein Mann am nächsten Morgen zu mir.
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Beitragvon Ysgawen » 18.03.2005 10:31

Diesen Frühling lass ich den Pokal mit dem Pulver im Schrank!!!

Liebe Grüße von Lisa
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