Durchkriechbräuche bei Lochsteinen oder Spaltfelsen

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Durchkriechbräuche bei Lochsteinen oder Spaltfelsen

Beitragvon WhiteEagle » 28.02.2005 10:57

Über die Bedeutung dieser Kultorte und ihrer Kulte findet sich auf der sehr interessanten Website www.lochstein.de einiges Wissenswertes:
Auszug aus http://www.lochstein.de/hrp/lochstei/l_motive.htm



Lochsteine, Orte für...

1) Heilung des Körpers, Sicherung der Gesundheit

Zum schon erwähnten Marienstein im Bayrischen Wald kamen die Gläubigen, um ihre körperlichen Leiden abzustreifen, wenn sie sich durch den schmalen Spalt zwischen Granitfels und Kirchenmauer durchzwängten.

In Irland wurde einigen Loch- und Durchkriechsteinen Heilkraft nachgesagt. In Kilmadekar behaupten noch heutzutage die alten Leute, daß es bei chronischem Rheumatismus, "Fallkrankheit" und anderen Wehwehchen helfen soll, ihn dreimal zu umkreisen (in dem man daran glaubte und Gebete dazu sprach). Das Kriechen unter dem Flagstone von Ardmore wurde für ein Heilmittel gegen Kreuzweh gehalten.

Auch in Österreich können wir einige feine Beispiele für die alten Durchschlupfbräuche zu Heilzwecken finden. Klassisch ist die sog. Bucklwehlucka in St. Thomas in Oberösterreich. Hoch über der Landschaft des Waldviertels wölbt sich der weithin sichtbare Blasenstein. Er ist in zwei Teile zerbrochen und durch die entstandene Spalte gilt es sich 4 m weit durchzuzwängen. Wie es heißt, soll man den Durchgang nur von Osten her machen.

Eine weitere besonders besuchenswerte Durchschlupföffnung befindet sich in der Rochushöhle in der Voralpe, Niederösterreich. Am 16. August findet jährlich eine ganz schön anstrengende Wallfahrt zu Ehren des Heiligen statt. Es werden wundersame Heilungen aus den Jahren 1741 und 1760 berichtet, Rochus gilt als Pestpatron und Helfer bei Augenleiden. Den Durchschlupf erreicht man entweder über einen Holzsteg, der neben dem Höhleneingang errichtet wurde, oder über die Höhle, die mit einem Altar und Steintreppen versehen ist. Kommentar aus dem ausgelegten Buch in der Höhle: "Heiliger Rochus! Mir tut alles weh. Hilf mir, dann helf ich Dir auch!"

Von der kleinen Pfennigsteinhöhle bei Mödling vor den Toren von Wien geht die Mär, ihr Besuch helfe bei der Heilung von Krankheiten.

Vom Durchfall sollte jemand befreit werden können, so sagte man wenigstens, wenn er den Pierre Percée von Courgenay, Schweiz, durchkrochen hatte.

Außergewöhnlich ausführlich ist ein Bericht über eine Heilungszeremonie mit Durchschlupfritual aus Setonje am Fuß des Homoljegebirges auf dem Balkan. "In einem Dorf grassierte eine "allgemeine Epidemie" unter den Kindern. Das Heilungsritual bestand darin, daß auf der rechten Seite eines Eichbaumes in einer kleinen Erhöhung zuerst ein Tunnel gegraben wurde, so hoch, daß man auf allen Vieren bequem durchkriechen konnte. Der Länge nach legten sie ein breites Brett und am Tunnelausgang ein zweites der Quere nach. Ein altes Weib und ein alter Mann entfachten das lebendige Feuer - auf beiden Seiten am Tunnel. ... Eine Bauersfrau stand an einem großen Topf mit Milch..sie reichte jedem mit einem Holzlöffel etwas in den Mund..auf der anderen Seite stand ein Topf mit zerlassenem Schweinefette, in dessen Oberfläche sich jeder Hindurchkriechende besah. Sodann machte eine dritte Bäuerin mit einem Holzkohlenstück ein Kreuz auf den Rücken. Als alle hindurchgekrochen waren, legte ein jeder von den glühenden Kohlen einige in einen Topf und eilte nach Hause, um an diesen glühenden Kohlen das Feuer am Herde anzuzünden; sodann warfen sie dort etwas von der Holzkohle in ein Gefäß mit Wasser und tranken davon, um vor der Epidemie gefeit zu sein.."



2) Sexualität und Erotik

Von vielen Durchkriechstellen wurde gesagt, ihre Durchquerung hätte etwas mit Lust und Fruchtbarkeit zu tun. Das gilt vom Nadelöhr im Harz genauso wie von der Pfennigsteinhöhle in Niederösterreich, vom Lochstein in St. Wolfgang bei Altenmarkt wie der Cista mystica in Eleusis.

Besonders in Asien gibt es zahlreiche Höhlen und Durchkriechstellen, die damit in Verbindung gebracht werden. R.A. Stein hat darüber eine sehr ausführliche Arbeit veröffentlicht. Es gibt sowohl Schlufstrecken in Höhlen (Bya-dor, amdo, Tibet), Durchkriechstrecken unter Statuen (Chabahil bei Katmandu, Nepal), unter Stupas(Tham Wat Silaat), durch Säulen (Todaiji, Nara, Japan)... Es wird berichtet, daß einige dieser Durchkriechstellen, die in geschlossene Innenräume führten und den Namen "Grotte de la Mere" tragen, von den Gläubigen nackt bewältigt werden mußten. Im Innenraum, der oft als "Uterus" bezeichnet wurde, mußte man sich 9mal zu Boden werfen, auch Spenden zurücklassen, und dann mit dem Kopf nach vorne wieder herauskriechen.

In diesen Ritualen vermischen sich verschiedene Elemente: Förderung der Fruchtbarkeit sowohl bei Mann als auch Frau, Tod und Wiedergeburt. Maria Gimbutas berichtet von Beobachtungen, daß in der Steinzeit Engstellen, ovale Öffnungen, Klüfte und kleine Nischen in Höhlen vollständig mit roter Farbe markiert worden seien. Stein beschreibt verschiedene Höhlen aus Asien, deren Eingänge als "Yoni" gestaltet worden sind, besonders im Tantrabuddhismus - alles Zeichen dafür, daß die erotische Komponente der schmalen Erdöffnungen bewußt wahrgenommen wurde.

Daß das Durchkriechen öfters auch etwas Sexuell-Erotisches an sich hat, sei an zwei weiteren Beispielen gezeigt. Zur Prüfung der Treue einer Frau oder der Keuschheit eines Mädchens mußten Frauen im Dom zu Ripon/GB durch einen besonderen Lochstein. Sein Durchkriechen galt als eine Art Gottesurteil, um beide Kriterien zu prüfen. Leider finden sich in der Literatur keine Einzelheiten. Das geschah wohl nicht in aller Abgeschlossenheit, sondern öffentlich.

Und der Anblick dieser Frauen von hinten scheint aufregend gewesen zu sein. Der eine genießt und schweigt, der andere regt sich öffentlich darüber auf. Jedenfalls ist von einem Philip Dixon-Hardy folgendes überliefert: "He was horrified at the sight of the girls' legs, generously displayed in the process". Passiert ist das am St. Declan's Day, dem 24. Juli, beim jährlichen Brauch unter dem Flagstone von Ardmore/Irl. durchzukriechen. Dazu paßt nur noch ein weiterer englischer Ausspruch: "When lovely women stoop to folly...".

Beim Dörfchen Sernancelhe in Nordportugal gibt es jeweils an den Sonntagen im Juli und August eine besondere Marienwallfahrt. Dazu zwängen sich die Gläubigen durch einen Felsspalt der als "Löchlein, Spalte oder Schlitz unserer lieben Frau" bezeichnet wird.

Beim Kirchlein von Ayios Stephanos auf Zypern steht ein Stein mit einem rechteckigen Loch drin. Von ihm gibt es die alten zyprische Sage, daß der Ehemann einer untreuen Frau nicht mehr durch eine solche Lücke schlüpfen konnte - "wegen der Hörner, die sie ihm aufgesetzt hatte". Auf dieser Insel soll es übrigens 50 Lochsteine geben - alles kleine Prüfstrecken für die Treue der Frauen?

3) Kinderkriegen, Geborenwerden

Bei dem hohen Risiko früher, das sowohl für Mutter als auch Kind bei einer Geburt bestand, braucht es nicht zu wundern, daß Frauen zu Durchschlupfen gepilgert sind, um für eine glückliche Geburt vorzusorgen. Das ist uns z.B. vom Durchkriechgang bei
St. Wolfgang/ Salzkammergut (am Falkenstein) überliefert.

Daß das Durchschlüpfen Assoziationen mit Geburt und Höhle weckt, soll an drei Beispielen gezeigt werden. B. VAN RANSBEECKs Granitskulptur "Roddelbron" zeigt eine alte Frau, die aus einer vaginaförmigen Öffnung herauszudrängen scheint. Sie stammt aus dem Jahre 1985 und war auf der Ausstellung "REFLETS DE PIERRE" 1989 bei Schauhöhle Han-sur-Lesse in Belgien ausgestellt. Das SZ-Magazin No. 21 vom 26.5.1995 präsentierte auf dem Titelbild eine neue Arbeit von Cindy Shermann. Der glitschig-feucht aussehende Kopf eines Erwachsenen scheint aus einer vaginalen Öffnung herauskommen zu wollen, die jedoch hoffnungslos zu klein scheint. Eine sehr ungewöhnliche literarische Darstellung der Geburt stammt aus der Feder von Ross Ellis, einem australischen Höhlenforscher. Sie ist im Anhang abgedruckt und schildert den Geburtsvorgang als erste Schlufhöhlenbefahrung.

4) Initiation

Durchkriecheingang in ein Zeremonienhaus der Abelam in Papua Neuguinea, verwendet für Initiationsriten, heute im Museum der Kulturen, Basel

5) Reinigung der Seele, Abstreifen von Sünden, Zurücklassen der Vergangenheit

6) Verjüngung

7) Umgang mit dem Tod

8 ) Wiedergeburt


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